2026
«Amerika»
Theaterstück von Christoph Zurfluh
Urner Mundartfassung: Joe Arnold
Regie: Joe Arnold und Nadia Müller
«D Wält wird nid besser, wenn's miär schlächter gaht.»
Ist Gisler ein Versager, weil er seine Familie nicht ernähren kann? Ist Katharina eine Hure, weil sie mit dem vierten unehelichen Kind schwanger ist? Ist Jack ein Lügner, weil er in seinen Briefen aus der Fremde masslos übertreibt? Und ist Lunzi ein mieser Schlepper, weil er am Schicksal anderer verdient? Und was hat das alles mit AMERIKA zu tun?
Eine ganze Menge! Denn «AMERIKA» erzählt ihre Geschichte. Die Geschichte von Gisler, dem verarmten Bauern, von Katharina, der verzweifelten Mutter, von Jack, dem glücklosen Heimkehrer und von Lunzi, dem geschäftstüchtigen Wirt. Aber auch von allen anderen Schächentalerinnen und Schächentalern, die im 19. Jahrhundert ihr Glück in Übersee suchten und selten fanden.
Zwar ist die Handlung von «AMERIKA» frei erfunden, aber dennoch könnte es ziemlich genau so gewesen sein, damals um 1850, in dem «AMERIKA» angesiedelt ist.
Die Auswanderergeschichte wird aus der Sicht des Unteragenten erzählt, dem etwas schmierigen Wirt Lunzi, der im Auftrag einer grossen Auswandereragentur die Verträge abschliesst und dafür eine Provision kassiert. Sein Interesse, so viele Menschen als möglich ins «gelobte Land» zu spedieren, ist deshalb mindestens so gross wie das der Gemeinden, die sich damit ihrer ärmsten Mitglieder entledigen. Lunzi verkörpert aber keineswegs nur das Böse, sondern er ist ganz einfach ein Mensch, der zuerst für sich selbst sorgt.
«Bin ich tschuld, wil ich ihnä äs Stickli Hoffnig verchäuft ha?»
Und diese Welt sieht für den jungen Schächentaler Jakob so aus: Er liebt Anna, die Tochter eines reichen Bauern und skrupellosen Gemeindepräsidenten. Doch Jakob hat weder den Status noch die Mittel, Anna zu heiraten. So bleibt ihm nichts anderes, als auszuwandern und sein Glück in AMERIKA zu versuchen.
Um seine Reisekosten bezahlen zu können, macht er einen Deal mit Lunzi: Dieser schiesst ihm das Geld vor, erwartet dafür aber, dass ihm Jakob regelmässig positive Berichte aus AMERIKA schickt, die er als Werbung für sein Speditionsgeschäft brauchen kann.
So viel zur Vorgeschichte. 10 Jahre später – und hier beginnt «AMERIKA»: Jakob, der sich mittlerweile Jack nennt, beschliesst, zurückzukehren, denn ihn plagen das Heimweh und die Sehnsucht nach seiner Geliebten Anna. Als er im Schächental ankommt, wird er wie ein Held gefeiert. Seine (massiv frisierten) Briefe haben ihm den Status des erfolgreichen, mutigen Auswanderers beschert. Ihm bleibt nichts anderes, als mitzuspielen, denn er hat sich dieses Image ja selbst geschaffen.
Dem Agenten Lunzi kommt seine Rückkehr gar nicht ungelegen, denn es harzt im Moment grad mit dem Verkauf von Schiffspassagen. Die Menschen im Schächental sind skeptisch. Wartet in AMERIKA, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, tatsächlich das Glück?
Immerhin trifft es sich für ihn gut, schiebt die Gemeinde zwischendurch jene Kostgänger ab, die sonst aus der Armenkasse durchgefüttert werden müssen: Katharina, die zum vierten Mal unehelich schwanger ist. Oder den Kleinbauern Gisler, der ein Leben lang gekrampft hat, aber seine Familie trotzdem nicht ernähren kann. Dass die Gemeinde ihre Auswanderungskosten übernimmt, zahlt sich auch für Lunzi aus.
Die letzten Vorbereitungen für die Auswanderung der Schächentalerinnen und Schächentaler sind am Laufen, als der Pöstler ein Schreiben des Schweizer Konsuls in New York bringt. Auf der Überfahrt von Le Havre sind Dutzende von Passagieren an Cholera gestorben und auf hoher See beigesetzt worden – auch Auswanderer aus dem Schächental …
«Nur wil mä nyt Schlächts gheert, heisst das nu lang nid, dass äs ihnä guät gaht»
«Bin ich schuld an ihrem Tod?», fragt sich Jack in diesem Moment. Und trifft einen Entscheid, der nicht nur sein Leben verändern wird.
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